Der Berg ruft – 2 Jahre Upcycling Bedsheets

Wir schreiben das Jahr 2020. Ich habe zwei fantastische Kinde zur Welt gebracht und bin bereit mich ins Abenteuer der Selbstständigkeit und eines eigenen Modelabels zu werfen. Die Selbstständigkeit ist nicht neu für mich, da habe ich bereits in der Elternzeit schon viel ausprobiert. Außerdem habe ich einige Jahre Berufserfahrung aus der Modeindustrie mitgebracht, Skills die ich sicherlich gut gebrauchen kann bei der Erklimmung meines Berges. Und dieser ruft mich jetzt sehr laut und eindringlich. Er heißt Upcycling Bedsheets und damit beginnt auch schon meine Geschichte.

Im Gepäck ein Sack voller Ideen, die unbedingt raus in die Welt wollen, begebe ich mich auf die Reise. Ich möchte den Berg hoch rennen, weil so machen das alle und so geht es am schnellsten. Die Ideen wollen aber raus. Sie sind noch durchsichtig und wollen angemalt werden, damit die Welt sie sehen kann. Kein Problem, das mach ich beim rennen, so machen das alle, so mache ich das auch. Aber ich  möchte nicht den breiten Weg gehen, den alle nehmen, sondern einen besonderen. Einen, der nicht schon breit getreten und abgegrast ist. Nicht den, auf dem nichts mehr wächst, weil er schlecht behandelt wurde. Ich will einen neuen schönen Weg nehmen, den ich elfengleich mit Samtpfoten überrennen möchte. Wo wenig andere gehen. Ein Weg der sich wieder erholt, nachdem ich ihn betreten habe. Ich will möglichst keine Spuren hinterlassen, alles soll sehr nachhaltig sein, am besten zu 100%. Getrieben von meinen Ideen und immer mit der Vision im Gepäck, meinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten zu wollen, renne ich und renne. Am Anfang ist es noch ganz leicht. Berauscht von der Geschwindigkeit und dem damit verbundenen schönen Gefühl des Glücks kann ich gar nicht mehr aufhören zu rennen. Immer mehr Ideen wollten mit auf meine Reise, aber eigentlich habe ich gar keine Zeit sie alle anzumalen. Das ist nämlich ziemlich schwer während ich renne. Ich mache es aber trotzdem und es gelingt mir eigentlich auch ganz gut. Ab und an werden mir jetzt auch noch Hindernisse in den Weg gelegt. Diese hindern mich aber nicht daran, im Gegenteil ich verfolge mein Ziel jetzt noch ehrgeiziger. Auf meinem Weg muss ich feststellen, dass ich immer mehr kämpfen muss. Der Weg wird immer steiler, steiniger und überall hängen Äste im Weg. Der Sack wird immer größer und schwerer und ich blieb dauernd hängen. Plötzlich kann ich die ganze Schönheit nicht mehr sehen, die Vögel nicht mehr zwitschern hören, den Rausch der Geschwindigkeit nicht mehr genießen, es wird einfach irgendwann nur noch zur Qual. Gleichzeitig wollen andere Passanten beim Überholen noch Tipps mit auf den Weg bekommen. Z.b wie ich die Äste aus dem Weg geschafft habe, welchen Weg ich genommen habe und wo es weiter lang geht. Aber das weiß ich da selbst schon nicht mehr. Aus meinem Weg wurde ein Irrweg. Immer wenn ich denke da gehts weiter, lande ich in einer Sackgasse. Dabei will ich doch ganz schnell voran kommen. Alle anderen schaffen das doch auch? Aber ich komme auf meinem Weg einfach nicht mehr weiter. Plötzlich gibt es eine Weggabelung, dieser andere Weg geht erstmal nach unten und sieht sehr schön aus. Ich bin so aus der Puste, ich kann nicht mehr. Ich weiß, wenn ich jetzt auf Kurs bleibe, breche ich irgendwann zusammen. Ich entscheide mich dafür, diesen neuen Weg einzuschlagen. Er ist nicht ganz so phantasievoll, lebendig und berauschend, aber er ist sehr gut zu mir. Dort gibt es kalte Quellen, die mir den Durst vom ganzen Laufen stillt. Er ist einfach zu gehen und sehr angenehm für meine geschundenen nicht mehr ganz so elfenhaften Füße. Ich möchte genau auf diesem Weg bleiben. Ich werde immer langsamer, bis ich mich irgendwann einfach hinsetze. Die Ideen, ungeduldig wie sie sind, fliegen erstmal in alle möglichen Richtungen auf und davon. Es ist komischerweise eine Erleichterung. Zum ersten Mal nehme ich mir die Zeit anzuschauen, wo ich überhaupt gerade bin. Ich sehe, was ich bisher erreicht habe und frage mich wo überhaupt das Ziel meiner Reise sein könnte. Oben auf dem Berg? Und dann? Ist es das, was ich wirklich möchte? Hoch auf dem Berg stehen und meine ganzen angemalten Ideen von oben aus fliegen zu sehen? Zu sehen, wie sie die Welt bunter und schöner machen? Wie die Menschen zu ihnen blicken und sagen: oh schau mal, die sind ja viel schöner als die, die ich bisher gesehen habe. An sich ein schöner Gedanke. Aber wie kann ich zurück auf den Weg finden, der mich anfänglich einmal so glücklich gemacht hat und der mich nach oben bringt? Ich sitze ziemlich lange da. Ich denke mir, was bringt mir all die Schönheit meines Weges, wenn ich sie beim rennen gar nicht sehen kann. Es dauert ziemlich lange und ich denke viel nach. Ich komme zu dem Schluss, dass es vollkommen egal ist, wo das Ziel ist, sondern es geht um den Weg. Und der soll schön sein. Denn wer weiß schon, ob ich jemals oben ankommen werde. Wenn dort am Ende ein erfrischender See ist toll. Wenn ich dort die beste Aussicht meiner flatternden und bunten Ideen genießen kann, super. Aber wenn nicht, dann auch egal, dann hatte ich wenigstens eine tolle Zeit auf dem Weg. Ich werde nichts davon bereuen, denn ich habe nur dazu gewonnen, nichts verloren. Ich gehe jetzt einfach den Weg, der mir gerade am besten gefällt. Ich gehe ihn diesmal ganz langsam und bewusst. Ich genieße ihn mit all seinen Herausforderungen und Überraschungen, die er für mich bereit hält. Ich gehe ihn neugierig und vielleicht entdecke ich beim langsamen gehen Dinge, die ich davor gar nicht gesehen hätte. Ich bin flexibel und ändere auch mal die Richtung, wenn er mir nicht mehr gefällt. Und plötzlich sind Äste und Steine gar kein Problem mehr. Mit Zeit und Ruhe kann ich sie ganz einfach und sanft zur Seite schieben. So stelle ich mir meinen Weg in Zukunft vor. Die ganzen Ideen dürfen kommen mir ‘Hallo’ sagen, wir können uns unterhalten, aber ich fange sie nicht mehr ein und nehme sie mit. Ich muss sie nicht die ganze Zeit wie schwere Steine mitschleppen. Ich lasse sie frei. Wenn sie mich so lange begleiten, bis ich Zeit für sie habe sie anzumalen schön, wenn nicht dann treffen wir uns bestimmt zu einem anderen Zeitpunkt wieder. Der passt dann vielleicht besser. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die Ideen damit bunter und schöner als je zuvor werden.

Alleine mir dafür Zeit zu nehmen, diesen Text zu schreiben, das hätte ich mir früher wahrscheinlich nicht erlaubt. Aber geht es nicht gerade darum? Kurz mal inne zu halten und dieser Geschichte eine Berechtigung in der Welt zu geben? Meine Fans daran teilhaben zu lassen, was Upcycling Bedsheets ist und mich bewegt? Ich habe verstanden dass es nicht nur darum geht meine Ideen schnellstmöglich in schöne Produkte zu verwandeln, sondern auch um den Zauber drum herum, denn der macht sie erst lebendig und bunt.

Ich möchte euch passend zu meiner derzeitigen Situation noch gerne einen Buchtipp geben. Dieses Buch hat mich in der Phase des Stillstandes zufällig gefunden und mich sehr berührt. Es wurde von Judith Holofernes geschrieben, Frontsängerin der Band ‘Wir sind Helden’ und gerade erst veröffentlicht. Sie erzählt von Ihrer Reise des Erfolgs mit Ihrer Band und der Zeit danach. Wunderschön geschrieben, wie auch ihre Songtexte. Ich konnte bei jeder einzelnen Seite mitfühlen. Es hat mir sehr dabei geholfen für mich einen neuen und eigenen Weg zu finden mein Label weiter zu führen. Ich bin gespannt zu welchem Ergebnis ich 1 Jahr später kommen werde. Die Träume anderer Leute von Judith Holofernes 

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